Tagträume im Baumwipfel

"Oft saßen Lalu und Sira in den Wipfeln ihres Lieblingsbaumes. Manchmal träumten beide am helllichten Tag." Lalu, der kleine einsame Junge und sein lebhafter Begleiter, der Vogel Sira, den ihm der Mondprinz geschickt hatte - in beiden verträumten Gestalten scheint sich das Wesen von Helga Hornung widerzuspiegeln. In ihrem Kinderbuch "Der kleine Lalu", das schon in zweiter Auflage erschienen ist, zeichnet die Malerin in farbenfrohen Bildern den Weg eines Kindes nach, das aus der Einsamkeit zur Geborgenheit und Freundschaft findet. Es ist für Kinder entstanden, deren Weg nach draußen durch eine Sprach- oder Schreibbehinderung erschwert ist. Daher übersetzen so genannte "Bliss-Symbole", Piktogramme mit einfachen Symbolen (ein Herz bedeutet zum Beispiel Gefühl), zusätzlich den Text. So findet die Geschichte Verständnis bei den Kindern und macht ihnen Hoffnung.

Eine innige Beziehung zur Natur, zum Kosmos mit allem Lebendigen strahlt aus den Bildern von Helga Hornung. 1946 im unterfränkischen Adelsberg geboren, erlebte sie eine Kindheit auf dem Land in der bäuerlichen Umgebung des Großvaters. Sie machte jedoch wohl auch die Erfahrung von Alleingelassensein und Einsamkeit. "Ich habe mehr Zeit mit Tieren als mit Menschen verbracht", erinnert sie sich. Ihre Rettung waren ihre Fantasie, ihre Liebe zur Natur und die Freude am Malen.

Glanz und eine ganz besondere Leuchtkraft gehen von ihren, zumeist aus dem Bereich der Mythologie, der Träume und der fantasievollen Naturentdeckungen stammenden Werken aus. Emailleartige Intensität der Farben entsteht durch eine besondere Technik: oft werden dreißig- bis vierzigfache Schichten aus einer Pigment-Acryl-Mischung auf die am Boden liegende Leinwand aufgetragen. Zusätzliche Plastizität entsteht dann noch durch Beimischung von Mörtel oder Quarzsand. "Ich lasse mich von Kindern und von der Volkskunst inspirieren", erzählt die Künstlerin, deren farbenfroher indischer Rock, von oben bis unten mit Ornamenten und kleinen Spiegeln besetzt, geradezu aus ihren Bildern gesprungen zu sein scheint.

Der Kosmos mit Mond und Sonne als Urkräfte spielt eine große Rolle in der Welt der Helga Hornung. Sie beschäftigt sich mit den Mythen der Naturvölker und vertieft ihr Wissen bei Reisen, die sie auch nach Mexiko führten. "Das Elementare und Einfache spricht mich sehr an" - so tauchen immer wieder Weltkugel, Mondprinzen, Tiere und Pflanzen in ihren so klaren und einprägsamen Bilder auf, Blau - die Nacht - und Gelb - die Sonnen- und Lebenskraft - als wiederkehrende Farbwahl. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Philipp Reisacher, auch er Maler, mit wieder einem anderen Blick auf die Natur, entwickelt sie ständig neue Ideen und Techniken. "Allein könnte ich das nicht schaffen", gesteht die Künstlerin.
Claudine Melcher, Süddeutsche Zeitung, 26.6.01

"Leuchtende Wahrhaftigkeit"
Bei Helga Hornung hat sich das Gefühl für die Ganzheitlichkeit der Natur umgesetzt in eine Figuren- und Symbolsprache, die bestimmt wird von der Liebe. Nach der Art indianischer Höhlenzeichnungen und Sandmalereien stilisiert, erzählt sie von Sonne und Mond, Vogel und Fisch, Seejungfrauen, geflügelten Mischwesen. Sie sitzen als Familie in einem Boot, haben Federn im Haar, bergen ein Kind an der Brust oder haben sich im Inneren eines Baumes eingenistet. Immer wenden sich die Wesen einander zu, Vogel und Mensch umarmen sich, Vogel und Mensch sehen sich an, Gestirne, Tiere und Menschen sind in einer kosmischen Ordnung verbunden.

Ein wesentliches Merkmal ihrer Bilder sind Augen in allen Formen und Farben. Augen sind für sie wichtig, denn sie sind der Spiegel der Seele. Viele ihrer Phantasiegestalten strahlen eine natürliche Heiterkeit aus, sind einfach frech und witzig, frivol und erotisch. Helga Hornung möchte sich in ihrer Welt immer weiter auf die Suche nach dem Ursprünglichen, dem Wesentlichen, dem wirklich Lebendigen machen - dem Urgrund des Seins.

Sie verfügt über eine beachtliche kompositorische Technik und erzielt mit selbst gemischten Pigmenten und Acrylbindemitteln ein starke Leuchtkraft ihrer Bilder. Vor allem aber haben diese Bilder eine von der Person der Malerin ausgehende starke Wahrhaftigkeit. Ihr selbst, sagt sie, helfen ihre Werke beim Überleben in einer schwierigen Zeit.
Süddeutsche Zeitung, Starnberg



Vortrag Bernd Schäfer  (Bürgermeister  Ottobeuren) zur Ausstellungseröffnung am 7. Juli 2013

Es ist nicht einfach, sich unseren beiden Künstlern und ihren Werken adäquat zu nähern. Auf die Schnelle tun sich vordergründig Fragen und Antworten auf, die ich vorneweg ansprechen möchte:

1.Frage: Werden da nicht gänzlich verschiedene Themen und Bilder in einer Ausstellung präsentiert, weil die beiden Künstler ein Paar sind? Stimmt insoweit nur die Feststellung in der Frage. Sie sind ein Paar, Philipp Reisacher, Wurzeln im Allgäu, in Ollarzried, gelernter Kirchenmaler in der Werkstatt des Vorsitzenden des Heimatdienstes Buxheim, Herrn Hans Haugg, als sie noch von dessen Onkel Georg in Ottobeuren betrieben wurde, 1975 macht er sich frei von alltäglichen Arbeitszwängen und verdient als freischaffender Künstler in München sein Geld. In einer Zeit in der Schwabing post 68 pulsierte und bei uns auf dem Land als Sündenpfuhl verrufen war, trifft er auf einen fränkischen Paradiesvogel (man kann es auf dem Datenblatt zum Lebenslauf von Helga Hornung gut erkennen) und gemeinsam gehen die beiden in Kunst und Leben ihren Weg. Beeinflussen sich in Sichtweise und Maltechnik gegenseitig und interpretieren das Sujet ihrer Kunst, nämlich die Natur doch sehr unterschiedlich.

2.Frage: Wird Kunst mit realem Bezug eigentlich dem heutigen Trend der Schnelllebigkeit, Pseudointellektualität und ungebundenen Interpretationssucht des Kunstpublikums überhaupt noch gerecht, oder läuft sie nicht Gefahr als Kunsthandwerk abgestempelt zu werden? Hier muss ein klares "nein" die Antwort sein. Nimmt man sich die Zeit in den Werken nicht nur das, was man vordergründig schnell entdeckt und zu verstehen glaubt, abzuhaken, entdeckt man neue Dimensionen der Wahrnehmung und Interpretation der Schöpfung und erhält Wegweiser zum Zugang in unseren eigenen innersten Kosmos ohne Blockade durch profane Bodenhaftung.

- Die Kartause ist ein schöner und idealer Ort, um die Bilder unserer beiden Künstler zu betrachten. Die Räume atmen noch die Gebete der vergangenen Jahrhunderte und lassen Luft für Intuition und Träume. Geben uns "Normalsichtigen" die Chance einer intensiven Annäherung

-1084 zog sich der Heilige Bruno, der Begründer des Kartäuserordens, mit sechs Gefährten nach La Chartreuse, eine einsame Gebirgsgegend bei Grenoble in Frankreich, zurück. Das Land wurde ihnen vom Heiligen Hugo, dem damaligen Bischof von Grenoble, aufgrund einer Vision zur Verfügung gestellt. Er hatte im Traum gesehen, wie sich in La Chartreuse sieben Sterne niederließen. So hatte Meditation und Traum bei der Gründung des Kartäuserordens schon eine Rolle gespielt und führen uns historisch zu Meditation und Traum hin.

- Lassen Sie mich noch die erste Strophe eines Gedichtes von Novalis, jenem Freiherrn von Hardenberg, der am Ende des 18.Jahrhunderts lebte, zur Verdichtung meiner Hinführung zitieren:

MARIA
Ich sehe Dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann Dich schildern,
Wie meine Seele Dich erblickt.

Übertragen wir diese Liebesnot im Vergleich auf die sensitiven Fähigkeiten unserer Künstler, so können wir feststellen, dass da, wo wir z.B. Landschaft sehen, Philipp Reisacher mehr sieht, spürt und empfindet. Ein schöpferischer Prozess der Selektion der tausend Bilder (mit Novalis gesprochen) schließt sich an und nach diesem stellt sich im Künstler ein poetischer und sensitiver Eindruck ein, den er im Folgenden anhand seiner kreativen Fähigkeiten ausarbeitet und fixiert. Vor dem Bild das aus diesem Prozess gewachsen ist, stehen wir als Betrachter, sehen bei eingehender Betrachtung eine andere Landschaft, wie wir sie in Natura kennen und es liegt dann an uns, die Kreativität des Künstlers aus dem fertigen Werk heraus zu interpretieren, oder eigene Gefühle angeregt zu erleben, die in uns selbst entstehen. Gleich einer Tonschwingung, die sich mechanisch aufs Trommelfell überträgt und dann aber eine Stimmung und Schwingung in uns auszulösen fähig ist.

In dieser Ausstellung ist der schöpferische Akt an manchen Werken konkret nach zu vollziehen. Zuerst kondensiert Philipp Reisacher seinen facettengewaltigen Eindruck des Sujets vor Ort in ein Aquarell. Im Atelier entsteht dann mit Pigment und Acryl die endgültige Fixierung der Interpretation. Hintergründiges wird offenbart, Eindrücke in Farbnuancen umgesetzt und Gefühle in die Leinwand getupft.

Wer spürt nicht die Mystik, ja fast Grusel, die aus der nebligen Landstraße im Medienraum nebenan fließen? Die Realität der Straße verschwimmt durch die Interpretation des Künstlers und bahnt sich einen Weg in unsere Gefühlswelt. Bei Bewahrung der Natur können wir so Neues in der Landschaft sehen und fühlen. Man kann spüren, dass sich die wunderbarsten Geheimnisse der Natur dem Künstler beim Malen offenbaren und je mehr Zeit in einem Werk konzentriert eingesetzt wird, desto mehr Ruhe und Kraft drängt aus dem Bild wieder nach außen.

Abschließend zu Philipp Reisachers Bildern erlauben Sie mir noch ein Zitat von dem Professor Emeritus und zeitgenössischen Maler Klaus Fußmann, er sagt: "Die Passion der Landschaftsmalerei ist heute kein Wagnis mehr wie zur Zeit Altdorfers und auch nicht wie zur Zeit der Impressionisten. Draußen in der freien Natur belächelt, dann im Salon verspottet wegen Talent- und Belanglosigkeit. Aber malen vor der Natur ist doch wieder ein Neuanfang. Die gesamte Moderne im Rücken und die zeitgenössische Kunstpolitik gegen sich, malt der Künstler von heute wieder Landschaft vor dem Motiv. Er weiß, dass alle Berge bestiegen sind, die ganze Welt motorisiert ist, tausend Landschaften in den Museen ruhen, dass alles schon gesagt und gemalt wurde und dass er ein Relikt ist, welches sich gegen den Lauf der Zeit stellt. Aber er weiß auch, dass die Erwartung an die Malerei nicht erfüllt wurde und so fängt er noch mal von vorne an."

Die Natur fasziniert und beseelt, wie anfänglich schon ausgeführt, auch Helga Hornung. Sie schafft aber in einem anderen Schöpfungsprozess ihrer Verbundenheit mit Natur und Kosmos Ausdruck in ihren Bildern. Die Ganzheitlichkeit der Schöpfung und die Beseelung der Natur fließen in ihre Werke und beim Betrachten wieder heraus. Dabei finden wir gegenständliche und rein intuitive Ansätze in ihren Werken. Erstere finden wir z.B. in 3 mittelgroßen Tafeln an der Südseite des Ganges. In Kollagentechnik sind hier Bilder von Pflanzenteile auf die Leinwand aufgetragen, wo sie durch die Künstlerin eine intuitive Beseelung erfahren, in dem sie Gesicht zeigen oder eine Metamorphose zu zauberhaften Gestalten geschenkt bekommen.

In unzähligen Zeichnungen und Skizzen übt und verstetigt Helga Hornung den ihr eigenen Prozess des intuitiven Malens. Die freie Assoziation von Archetypen bringt ihre Bilder hervor. Die runde, kräftig gelbe Sonne findet sich im Mandela-Motiv der Traumdeutung nach C.G. Jung. Vögel als Boten des Himmels symbolisieren die Freiheit, wenn sie in Helga Hornungs Bildern erscheinen.

Doch während in der Psychoanalyse der Träume oft besonders auf das Bedrohliche, auf Ängste und Zwangssymbole geachtet wird, kommen diese negativen Schwingungen in Helga Hornungs Werk nicht vor. In ihrer Konzentration und Konditionierung schafft sie es, nur das Positive in ihr Werk fließen zu lassen.

Das macht ihren Kosmos so reizvoll für uns Betrachter. Kräftige Pigmente betonen die positiven Strömungen: Das Blau des Meeres und Himmels strahlt Ruhe aus und rahmt oft das Rot der Lebensfreude. Die Brillanz der strahlenden und leuchtenden Farben ihrer Bilder beamt die Erdenschwere von uns Betrachtern hinweg und lädt uns ein uns von den Träumen Helga Hornungs anstecken zu lassen. Ihre Bilder regen unsere Fantasie an, bringen uns zum Schweben und tragen uns ein Stück von den alltäglichen Problemen fort.

Es ist keine Naivität und simple Esoterik, die uns in ihren Bildern begegnen, sondern ein entwaffnendes Kondensat positiver Energie, verpackt in Farben und Symbolen, die in uns allen versteckt sind, denen wir aber viel zu häufig in der Hektik des Alltags die Entfaltung verwehren. Mit den Bildern von Helga Hornung haben wir die Möglichkeit Marken des Glücks als Wegweiser in unsere Zimmer zu holen, die uns an die Schönheit des Lebens erinnern, wenn wir Gefahr laufen sie zu vergessen. Mir persönlich fliegt jedes Mal, wenn ich mein Büro betrete ein solcher Hornung‘scher Glücksbote begleitet von einem Vogel entgegen. Er hat sicher auch einen Anteil daran, dass ich nach über 22 Jahren in meinem nicht ganz leichten Job meist ganz gut drauf bin.

So bleibt mir nun nur noch, Ihnen viel Freude und gute Erfahrungen beim Betrachten der gelungenen Ausstellung zu wünschen.